30.03.2013

Was wir unseren Lesern ersparen sollen

Beim Zeitungslesen stach mir ein Titel ins Auge - ich weiss den genauen Worlaut nicht mehr, nur dass das Wort dräuend drin vorkam. Keine Ahnung, was das heisst. Ich habe die Freundinnen am Tisch gefragt, sie wussten es auch nicht. In der Arbeit fragte ich studierte Mitarbeiter, niemand konnte mir eine Antwort geben.   

Dräuen ist offensichtlich ein deutsches Wort - doch wer kennt und braucht dieses Wort? Was ist ein Wort wert, von dem kaum jemand weiss, was es bedeutet? Und was sucht ein solches Wort in einer Zeitung, die für Menschen wie du und ich bestimmt ist?



Ich habe den Artikel nicht gelesen - soll der Autor dräunen, so viel er will, ich mag nicht erst den Duden hervornehmen, um einen Text lesen zu können. Wenn ich früher einen Artikel nicht verstanden hatte, fühlte ich mich dumm, heute - nach jahrelanger Schreiberfahrung - weiss ich, dass der Fehler beim Autor liegt: Er war nicht fähig, sich klar auszudrücken. Ein Text macht jedoch nur Sinn, wenn er verstanden wird - andernfalls ist es eine Vergeudung von Papier, Druckerschwärze und Zeit. 

                Beim Text muss sich einer quälen, der Absender oder der Empfänger.  
                Besser ist, der Absender quält sich.  

Dieses Zitat stammt von Wolf Schneider, der sich seit Jahrzehnten als Journalist, Autor und Referent für eine klare, verständliche, leserfreundliche Sprache einsetzt. Und er hat Recht: Die Empfänger sollen nicht über unseren Texten brüten müssen, sondern wir sollen uns so lange "quälen", bis unser Text ein Lesevergnügen ist. Welch hohe Kunst, etwas so zu schreiben, dass es sich leicht liest! Wie viel bequemer ist es da, mit Fremdwörtern, seltenen Ausdrücken und schwammigen, komplizierten Formulierungen um sich zu werfen und in Kauf zu nehmen, dass manche Leser und -innen eine Schramme davontragen.

Wenn wir die Sprache einsetzen, um mit unserer "Intelligenz" und "Bildung" anzugeben, haben wir als Autoren versagt: Wir haben nicht kommuniziert, sondern imponiert (oder imponieren wollen). Damit erreichen wir zweierlei: Der Leser fühlt sich schlecht, weil er nicht alles versteht, und vermutlich liest er den Text nicht fertig.
Kurz: Unsere Botschaft erlebt Schiffbruch und sinkt. Und das ist wie gesagt schade um Papier, Druckerschwärze und Zeit.

PS: dräuen heisst: sich nähern - (be)drohen - herankommen - heraufziehen - sich zusammenbrauen - anziehen. In welchem Sinn der Autor das Wort gemeint hat, weiss ich nicht - wie gesagt, habe ich den Artikel nicht  gelesen.

Kommentare:

Lothar Müller-Güldemeister hat gesagt…

Und dräuend wies mir die grimmigen Zähne
Der entsetzliche Hai, des Meeres Hyäne.

Soweit Schiller. Zugegeben, das Wort ist vielleicht nicht mehr allgemein gebräuchlich, zum passiven Wortschatz eines einigermaßen Gebildeten sollten die Worte Schillers aber schon noch gehören. Und so ein Wort nachzuschlagen - zumal dies im Zeitalter von Google wirklich kein Aufwand ist - dürfte auch noch niemandem geschadet haben. Abgesehen davon ist es ein anerkanntes Stilmittel, altertümelnde Worte und Wendungen zu verwenden, um einen leicht gruseligen oder humorigen Effekt zu erzielen. So gesehen, finde ich diese Aufregung über das Wort "dräuen" (das überdies einen gewissen lautmalerischen Effekt hat) doch stark übertrieben.

Daniela Schenk hat gesagt…

Lieber Herr Müller-Güldemeister
Herzlichen Dank für Ihren Kommentar! Sie haben mit Ihrer Meinung natürlich auch recht, und ja, ich habe das Ganze übertrieben bzw. pointiert formuliert.
Ich benutzte "dräuen" als Beispiel dafür, was zu oft geschieht: Dass man beim Schreiben zeigen will, wie gescheit man ist. Ich finde, die Sprache ist der Verständigung verpflichtet, gerade wenn sie an viele Leser gerichtet ist. Das Wort "dräuen" hat durchaus seine Berechtigung - in Gedichten zum Beispiel.
Aber die meisten Menschen kennen es nicht (mehr) - und deshalb hat es von mir aus gesehen nichts in einer Tageszeitung zu suchen.