10.04.2013

Wie man Nebensätze einsetzt

eins nach dem anderen ...
Richtig eingesetzt sind Nebensätze eine Bereicherung: Im besten Fall vertiefen sie das Thema und ergänzen das, was der Hauptsatz erzählt. Im schlechteren Fall verwirren sie.
Grundsätzlich gilt:  
Hauptsachen in Hauptsätze, Nebensachen in Nebensätze. 

Und ebenso grundsätzlich gilt: Nebensätze kommen an den Schluss oder auch mal an den Anfang – aber sie dürfen nicht in den Hauptsatz eingeschoben werden


Wir verstehen einen Text dann gut, wenn er uns zuerst das eine dann das andere erzählt. Schieben wir Nebensätze in Hauptsätze, entsteht Verwirrung, denn wir erzählen gleichzeitig zweierlei. Das Resultat: Die LeserInnen müssen sich zusätzlich anstrengen, um zu verstehen.

Wir Autoren haben die Aufgabe, Inhalte „vorzuverdauen“: Wir bringen Ordnung ins Chaos, Logik in die Verwirrung, Klarheit in Mehrdeutigkeit, so dass die Leser den Text mühelos „einverleiben“ können. Bildlich gesprochen: Ein Koch legt dem Gast nicht den ganzen Salat ungewaschen auf den Teller, daneben die Zutaten für das Dessert, ungebratenes Fleisch und rohes Reis mit Wein vermischt. Nein, er wäscht und schneidet den Salat, gibt Kräuter, Öl und Essig dazu. Er brät das Fleisch und würzt es, blanchiert das Gemüse, kocht das Reis, bereitet das Dessert vor. Und serviert das Menu in der richtigen Reihenfolge und mit dem passenden Wein.

So sollen auch wir Autoren vorgehen: Wir ordnen den Text, bereiten ihn auf, schneiden wertlose Teile weg, arrangieren und verfeinern ihn, bis er für den Leser ein Leckerbissen ist.
Falsch platzierte Nebensätzen verderben den Text, sie verwirren mehr als dass sie klären. 

Es gibt drei Möglichkeiten, wie ein Nebensatz platziert werden kann:

1. Nach dem Hauptsatz: Sie suchten ihre Habseligkeiten zusammen, als der Sturm sich legte.
2. Vor dem Hauptsatz: Als der Sturm sich legte, suchten sie ihre Habseligkeiten zusammen.
3. In den Hauptsatz geschoben: Sie suchten, als sich der Sturm legte, ihre Habseligkeiten zusammen.

1. Version – schafft Klarheit: Der Hauptsatz erzählt, was sie getan haben: Sie suchten ihre Habseligkeiten zusammen. Der Nebensatz erklärt, wann sie das getan haben: als sich der Sturm legte.  
2. Version – schwieriger: Wenn wir mit dem Nebensatz beginnen, lassen wir die Leser einen Moment hängen. Als sich der Sturm legte – ja was dann und wer überhaupt?
3. Version – verwirrend, am besten man lässt die Finger davon! In die Erzählung wird zum falschen Zeitpunkt etwas eingefügt, die Leser müssen unnötige gedankliche Arbeit leisten: Sie suchten – ja, was denn? – als sich der Sturm legte – ach so, aber was haben sie denn gesucht?

Mit eingeschobenen Nebensätzen laufen wir Gefahr, LeserInnen zu verlieren, denn sie wollen lesen und nicht rätseln.

Ein Beispiel (Nebensätze kursiv):
Zu den Männern, die derzeit im Verdacht stehen, aus dem Gefängnis heraus ein Netzwerk etabliert zu haben, zählt nach Angaben der Zeitung auch ein 38-Jähriger aus Hessen, der schon bei den NSU-Ermittlungen eine Rolle gespielt haben soll. (Zeitonline)

Meine Alternative: Hauptsatz voranstellen, Nebensatz anhängen. Aus dem zweiten Nebensatz einen Hauptsatz machen:
Ein 38-Jähriger aus Hessen zählt nach Angaben der Zeitung auch zu den Männern, die derzeit im Verdacht stehen, aus dem Gefängnis heraus ein Netzwerk etabliert zu haben. Er soll schon bei den NSU-Ermittlungen eine Rolle gespielt haben.

Kommentare:

Lothar Müller-Güldemeister hat gesagt…

Betrachtet man es genau, so enthält der ganze Absatz fast gar keine Aussage. Was heißt z.B. "im Verdacht stehen"? Man kann im Regen stehen, oder auf einem Surfbrett. Aber zum Verdacht gehört doch erst einmal einer, der ihn verdächtigt. Wird dieser nicht benannt, die Aussage nutzlos. Darum soll man ja auch möglichst nicht passivisch schreiben, denn bei "er wurde geschlagen" fehlt immer die Aussage, wer schlägt. Warum den Täter schützen? Richtig wäre allenfalls: Die Polizei verdächtigt einen 38jährigen Mann aus Hessen... Dann: "Ein Netzwerk etabliert zu haben". Was soll das sein? Es ist Geschwafel, ähnlich den angeblich "staatsfeindlichen Umtrieben", die im Kaiserreich ausreichten, jemanden ins Gefängnis zu bringen. Was hat der Mann denn nun getan? Mit anderen Gefangenen? - oder mit Leuten außerhalb des Gefängnisses? - Kontakte aufgenommen, also gesprochen oder Informationen ausgetauscht. Das ist weder verboten noch der Rede wert. Und schließlich: bei den NSU-Ermittlungen "eine Rolle gespielt". Was für eine Rolle? Als Polizeispitzel? Als Zeuge? Als Opfer? Täter oder Mittäter?

Was die Zeitung berichtet, ist also:

Irgendwo sitzt ein Mann im Gefängnis. Er ist 38 Jahre alt und aus Hessen. Wir glauben, dass irgendwelche Leute glauben, seinen Namen schon einmal bei den NSU-Ermittlungen gehört zu haben. Außerdem glauben wir, dass irgendwelche Leute glauben, dass dieser Mann mit irgendwelchen anderen Leuten irgendetwas gemacht hat oder machen wollte.

Was für eine sensationelle Neuigkeit!

Daniela Schenk hat gesagt…

Wunderbar, Ihr Beitrag!
Ich habe die Sätze nur umgestellt, Sie sind weiter gegangen und haben auf schöne Weise herausgeschält, dass der Text weitgehend inhaltslos ist.
Danke!

Lothar Müller-Güldemeister hat gesagt…

Ich muss jetzt der Redlichkeit halber etwas hinzufügen. Ich habe Ihren Textausschnitt isoliert beurteilt und erst jetzt den Link aufgemacht und den Text vollständig gelesen. Danach relativiert sich meine Kritik etwas - wenn auch nicht gänzlich. Gruß MüGü.