01.10.2013

Fremdwörter - ja oder nein?

Dieser Artikel handelt von Fremdwörtern, und warum man sie meiden sollte wie der Teufel das Weihwasser. Ausser man will Texte schreiben, die niemand genau versteht, die aber den Anschein erwecken, dass ein besonders gebildeter Mensch das geschrieben hat.

Das Fremdwort oder das Fachwort gehört dorthin, wo es Sinn macht: In einen fachlichen Text – einem Text, der an Spezialisten gerichtet ist, die die Bedeutung des Fremd- oder Fachworts auch kennen.

Sobald sich ein Text jedoch an die Allgemeinheit richtet, sind Fremdwörter die falsche Wahl. Aus dem einfachen Grund, weil sie nur ungefähr, gar nicht oder falsch verstanden werden.


So gelten im Umgang mit Fremdwörtern zwei Regeln:
1.  Wähle an Stelle des Fremdworts ein deutsches.
2.  Wenn du doch ein Fremdwort benützt, erkläre, was es bedeutet.
Fremdwörter blähen einen Text auf und gaukeln vor, tiefgründig und bedeutsam zu sein.
Ein Beispiel – was will der folgende Satz sagen?
Die morphologische Substanz subterraner Agrarprodukte variiert im reziproken Wert zur intellektuellen Kapazität des Produzenten.
Hört sich gut an, richtig wissenschaftlich – nicht? Und heisst doch nichts anderes als:
Der dümmste Bauer hat die grössten Kartoffeln.

Wo das Fremdwort hingehört und wo nicht

Die deutsche Sprache nimmt – wie das in jeder Sprache der Fall ist – fortlaufend Wörter aus anderen Sprachen auf und deutscht sie ein: Das reicht von Restaurant, Balance, Tante, Manager, Fenster über Operation, Dynamit, Sandwich, Rhythmus, Kiosk, Orange bis zu Dschungel, Bumerang und Känguru. Diese und tausende anderer Wörter sind so sehr Teil der deutschen Sprache geworden, dass wir sie als deutsch empfinden. Sie sind geläufig (die meisten wissen nicht mal, dass sie ursprünglich aus einer anderen Sprache kamen), jeder kennt sie. In der Sprachwissenschaft bezeichnet man sie als Lehnwörter.

Ein Fremdwort hingegen ist – wie der Name schon sagt – kein deutsches oder eingedeutschtes Wort. Es gehört in die Wissenschaft oder in eine andere Berufsgattung: hier kennen die Fachpersonen ihre Bedeutung. Nun schwappen manche dieser Fachbegriffe in „normale“, allgemeine Texte und richten dort mehr Verwirrung und Schaden an, als dass sie hilfreich wären. Hier erreicht das Fremdwort zweierlei: Dass sich die Leser dumm vorkommen und dass sie den Text nicht ganz verstehen. Und anstatt dass sie daraus schliessen würden: Aha, der Autor hat sich nicht verständlich ausdrücken können, halten sie sich für unzulänglich.

Es ist nur für Experten wichtig, über Photovoltaikanlagen zu sprechen – alle anderen verstehen unter Solarstromanlage wesentlich mehr. Wenn ein Psychologe in einem Gutachten schreibt, dass der Patient überkompensiert, so verstehen das bestimmt andere Psychologen auch. Ansonsten reicht es, wenn wir sagen: Er schiesst über das Ziel hinaus.
Menschen in sozialen Berufen benützen den Ausdruck Peer Groups. Aber sie dürfen nicht davon ausgehen, dass Laien ihn auch kennen. Die verstehen unter Gruppen Gleichaltriger wesentlich mehr.

Man kann es aber auch in der Fachliteratur mit Fremdwörtern übertreiben. Ich würde wetten, dass auch Fachpersonen der Soziologie mit folgendem Text ihre liebe Mühe haben:
Damit ergibt sich die Frage, ob und inwiefern der soziale Standort der Erkennenden einen konstitutiven Einfluss auf Art und Struktur der Erkenntnis ausübt, derart, dass der soziale Standort die Zurechnungsbasis für das Verständnis der Kategorialstruktur des Bewusstseins eines Menschen oder einer Gruppe abzugeben vermag.
Interessehalber habe ich den Ausdruck Kategorialstuktur gegoogelt und bekam gerade mal 155 Resultate, wer also kennt diesen Begriff überhaupt?
Damit komme ich zu einem (fragwürdigen) Vorteil, den Fremdwörter haben: Weil sie abstrakt sind, kann man damit alles und nichts sagen.
Oder wie es der Philosoph Arthur Schopenhauer (1788-1860) ausdrückte:
… daß sie (die Autoren), wo möglich, alle entschiedenen Ausdrücke vermeiden, um nötigenfalls immer noch den Kopf aus der Schlinge ziehen zu können: Daher wählen sie den abstrakteren Ausdruck; Leute von Geist hingegen den konkreteren; weil dieser die Sache der Anschaulichkeit näher bringt.
Sein Vorschlag, wie man stattdessen schreiben soll, ist verblüffend einfach:
Gebrauche einfache Worte und sage ungewöhnliche Dinge.
Er brachte in seinem gut lesbaren philosophischen Werk den Beweis, dass dies möglich ist.

 

Summa summarum (zusammengefasst):

Mit jedem Fremdwort, mit jedem Fachausdruck gehen wir die Gefahr, unsere Leser teilweise oder ganz zu verlieren. Sie müssen tagtäglich eine Flut von Texten bewältigen, umso mehr sollten wir ihnen Texte bieten, die sie verstehen, die sie lesen wollen und aufnehmen. Deshalb: so wenige Fremdwörter als möglich, dafür starke, saftige einfache Wörter, die sich zu klaren und spannenden Sätzen und Abschnitten zusammenfügen.
Berühmt ist die Geschichte, wie sich ein paar Leute beim Wein verabreden, ein völlig neues sinnloses Fremdwort repunsieren zu erfinden und in jeder beliebigen Bedeutung zu verwenden. Und wirklich wagt niemand, sie nach der Bedeutung zu fragen, jeder tut, als ob er es längst kenne, und versucht je nach dem Zusammenhang seinen Sinn zu erraten: Gestern haben wir herrlich repunsiert. – O, war es interessant? Oder Herr Ober, wo kann man hier repunsieren? – Bitte geradeaus, zweite Tür links.
Nur bei Deutschen, die vor jedem fremdländischen Wort auf die Knie fallen, ist dies Experiment möglich.
Deshalb: weniger Kniefall vor dem Fremdwort, sich dafür reinknien in die knifflige Aufgabe, mit einfachen Worten auch Kompliziertes zu beschreiben – als wäre es das Einfachste der Welt.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

es heißt "die Spreu vom Weizen trennen"